Leseprobe


HEART LINE - DO NOT CROSS

1. Das Musketier

 

Aus Kapitel 1

 

 

  ... Meine Sonnencreme war alt und roch ranzig, also kaufte ich neue. Die Kopfschmerzen waren verflogen und für den Rest des Tages hatte ich, so meine Meinung zu Lennox Worten, frei. In meinem bevorzugten Supermarkt, nahe meiner Behausung, kaufte ich Huhn, Gemüse und einen Becher Creme fraiche. Ein paar Clementinen sollten mir als süßer Nachtisch dienen. Ich ließ mich sogar auf einen kleinen Schwatz mit der Kassiererin ein. ›Schöne Bluse. Schöne Clementinen. Schönes Wetter.‹
  Die Tiefgaragenanlage mit meinem Wagen sah nicht abgebrannt aus. Der schmucklose aber gepflegte Altbau, in dem ich wohnte, war fünf Stockwerke hoch und in den Wohnungen hatte man viel Raum für Licht gelassen. Meine neunzig Quadratmeter reichten mir völlig. Es gab zwar keinen Balkon, dafür aber auf dem Dach eine Gemeinschaftsterrasse für alle. Hoch ging ich nie, weil ich Angst hatte, jemandem zu begegnen.
   Briefkasten. Werbung und eine Weichspülerprobe.
   Lift aus verschweißtem Edelstahl ohne Musik. Fünfte Etage.
   Apartment 508.
   Schlüssel.
   Tür nicht abgeschlossen?
   Ich stutzte. War ich vor einem Monat so in Gedanken gewesen?
   Als ich den Flur betrat, hörte ich, dass der Fernseher lief. Evie war da!
  Der Besuch meiner besten Freundin kam mir entgegen. Sie hatte schon immer ein Händchen dafür, in den richtigen
Momenten, bei mir aufzutauchen.
   »Hallo, mein Schatz« rief ich erfreut. Es roch wieder nach Fremdgel. Diesmal bis in den Flur. Von diesem aus ging es rechts in mein Ankleidezimmer und links in das Bad.
   Als ich geradeaus ins Wohnzimmer trat, gab mir jemand ein sehr gleichgültig klingendes: »Hallo« zurück.
   Zu meiner großen Überraschung, saß auf meiner dunkelblauen Couch nicht Evie, sondern ein jungen Mann, der mir völlig unbekannt war.
   Bemerkenswerterweise blieb mein Erschrecken auf kleinem Niveau. Irgendwo auf dem Weg in mein Hirn war es stecken geblieben. Womöglich, ich wollte das später durchdenken, lag es am Anblick des hübsch zu nennenden Burschen.
   Erster Eindruck am Tatort: Das kleine Bärtchen, das zweigeteilt über seinem Mund, entlang des Kinns und senkrecht darüber verlief, verlieh seinem schmalen Gesicht einen frechen Ausdruck. Quasi musketierartig. Die schulterlangen, braunen Harre hatte er sich hinter die Ohren geklemmt. Der schlanke Körper steckte in einem hellen T-Shirt und einer, schon vom Hersteller aufgerissenen, dunklen Jeans. Sein rechtes Bein war waagerecht über das linke gelegt und der daraufsitzende Turnschuh wippte unablässig auf und ab. Keine erkennbare Waffe.
   Obwohl ich ihn auffällig musterte, nahm er keine Notiz von mir, sondern starrte nur auf ein Fußballspiel vor sich in meinem TV-Gerät.
   Ich sah mich kurz um, ob weitere Besucher anwesend waren, konnte sonst aber keine entdecken. Das dunkle Parkett war nirgendwo aufgerissen oder zeigte Hinweise auf ein Lagerfeuer. An den neoklassizistischen Möbeln standen die Schubladen nicht offen und die, zwei Wände bedeckenden Bücherregale waren auch noch an ihrem Platz. Der Zustand der bis zum Boden reichenden Vorhänge war tadellos und die antiquarischen Drucke von Ausgrabungsstätten in Griechenland fanden sich vollzählig oberhalb der Tapete. Mit der Einrichtung war offensichtlich alles in Ordnung. Auf den ersten Blick, fehlte hier nichts. Alles war sauber und wirkte unangetastet. Aber was sah man auf einer Fernbedienung schon ohne Puder und Klebestreifen.
   Ich setzte mich zu ihm. Mein Hochgefühl hatte mich noch nicht verlassen und ich war zu jeder Schandtat bereit. Gute Laune zu haben, machte einen weniger ängstlich.
   »Du bist nicht ›Schatz‹«, sagte ich gelassen, zog aber eine Augenbraue hoch, »Darf ich fragen, was du hier machst?«
   »Ich seh mir das Spiel an«, antwortete er unberührt.
   »Entschuldige meine Neugier, wer bist du?«
   »Ignorier mich einfach, so lange du dazu im Stande bist.«
   »Ich bin Polizist. Musst du dir Sorgen machen?«
   »Aber nicht doch. Keine Spur.«
   Der Klang seiner Stimme, die Entspanntheit seiner Körpers und die merkwürdige Selbstverständlichkeit, mit der er die Situation zu betrachten schien, ließ mich glauben, dass keine Gefahr von ihm ausging.
   »Dir ist schon bewusst, dass das meine Wohnung ist?«, fragte ich, wobei es mehr wie eine Feststellung klang.
   Mein Blick fiel auf die flachen aber deutlich sichtbaren, sehnigen Muskeln unter seiner leicht sonnengebräunten Haut. Nicht, dass mir derartige Äußerlichkeiten besonders in Auge stachen. Einem Bullen fallen solche Details eben auf. Ich hatte gelernt, mich für derartige Dinge zu interessieren. Auch für sein leicht welliges Haar.
   »Ja klar. Meine ist drei Etagen tiefer gelegt. Sieht ganz ähnlich aus. Ich habe nur … Das war doch kein Faul! … weniger Möbel.«
  »Gibt es hier etwas von besonderem Interesse für dich?«, fragte ich weiter, erstaunlich gelassen.
   »Dein Sportsenderpaket. Alles live. Nicht grade billig.«
   »Gehst du, wenn das Spiel zu Ende ist?«
   Ich bekam keine Antwort.
   Mit Leichtigkeit wäre es mir gelungen, ihn ohne die Möglichkeit einer Gegenwehr, innerhalb von sechs Sekunden aus meine Wohnung zu schaffen. Aber die Situation war so bizarr, dass ich mich auf sie einließ. Vorerst - mit wachsamen Sinnen.
Ich lebte, bisher allein, seit gut einem Jahr in dieser Eigentumswohnung, und außer meiner Freundin Evie und mir, hatte sie niemand bisher betreten. Alles war von mir neu eingerichtet und seither nicht mehr verändert worden. Das war durchaus gewollt. Keine alten Erinnerungen, keine vertrauten Gerüche, keine quälenden Bilder. Die Kopien in meinem Kopf genügten voll auf.
   Es herrschte sozusagen Seelenhygiene. Die Kissen rochen einzig nach mir, so dachte ich jedenfalls. Meine Augen durften in diesen Zimmern auf alles fallen, ohne dass mir ein ablenkender oder vielleicht sogar schmerzlicher Gedanke kam.
   Da die Tür nicht beschädigt war, gab es bestimmt eine logische und sogar für mich nachvollziehbare Erklärung für die Anwesenheit meines männlichen Fußballfans.
   Ich ging in meine offene Küche, die komplett aus Naturholz gearbeitet war, und begann mir lautstark, Abendessen zu machen. Vielleicht vertrieb ihn das ja oder schreckte ihn wenigstens auf.
   Die gewünschte Kontaktsperre, so lange das Spiel lief, akzeptierte ich nicht.
  »Möchtest du auch etwas essen?«, fragte ich ins Blaue hinein, ohne mit einer Antwort zu rechnen.
   »Was willst du denn machen?«
   Immerhin eine offene Gegenfrage.
   »Hühnerbrust und Gemüse. Clementinen danach.«
   »Creme fraiche?«
   »Fände ich schön.«
   »Ich auch. Danke für das spontane Angebot.«
  Er war also ein Mensch mit Bedürfnissen. Ich führte den Gedanken zu Ende und brachte meine neuerworbene Sonnenschutzcreme in das Bad. Auch hier hatte sich nicht verändert. Auf der Klobrille lag sogar noch mein Handtuch.
   »Eckball!«, hörte ich es im Wohnzimmer rufen.
   »Ich dachte, Bälle wären ganz rund?«, gab ich zurück.
   Null Reaktion. Wollte ich einen humorlosen Gast an meinem beglückenden Feiertag?
Ich verließ das Bad, lief direkt durch sein Blickfeld und öffnete die Fenster, so weit es nur ging. Noch eine Möglichkeit, ihn im Notfall hinauszubefördern. Dann ging ich auf demselben Wege zurück und hoffte auf ein Zeichen von ihm, erntete aber nur eine Körperbewegung des Ummichherumsehens, da ich ihm störend im Wege stand.
   Ich verzog mich in den Küchenbereich und war zumindest einmal durch meine Wohnung gewandert. Nicht ganz. Das Schlafzimmer hatte ich ausgelassen. Aber wenn er das Klo nicht benutzte, würde er sich an meinem Doppelbett auch nicht vergehen. Außer diesem, und zwei Nachttischen mit Mahagoni Furnier, gab es dort nichts zu holen.
   »Bist du öfter hier?«, fragte ich mit gelangweilter Stimme.
   »Nur manchmal, wenn du nicht da bist.«
   Erfrischend! Welch geistreiche Antwort! Er wäre mir sicher schon einmal aufgefallen.
   »Nun hau ihm doch zwischen die Beine!« Er hüpfte nach oben.
   ›Gute Idee‹, dachte ich. Vielleicht bekäme ich so etwas aus ihm heraus.
  Das Essen war fertig. Ich verteilte es auf zwei Teller, befüllte zwei Gläser mit Wasser, lud alles auf ein Tablett und trug dieses hinüber zum Tisch, vor meiner besetzten Couch.
   »Riecht gut«, murmelte er ohne mich anzusehen.
  Ich reichte ihm seine Portion und mir fiel auf, Besteck vergessen zu haben. Als ich mich umdrehen wollte, sagte mein Hausgast: »Schon gut. Ich weiß, wo Messer und Gabel sind.«
   Er stand auf, ging zu den Küchenschubladen und kam, ohne suchen zu müssen, mit den Besteckteilen zu mir zurück.
   Auf die logische Erklärung war ich gespannt.
Seelenruhig begann er zu essen, als sei das alles völlig normal. Langsam, geräuschlos, ohne hungrige Gesten. Es machte mir durchaus Spaß, seinen geschmeidigen Bewegungen zuzusehen.
   »Wie bist du hier reingekommen?«, fragte ich ihn.
   Er zog, wie nebenbei, ein Schlüsselbund aus seiner Hosentasche, präsentierte es mir auf der flachen Hand und steckte es wieder ein. »Das darf doch nicht wahr sein! Was macht der denn da?«, er beugte sich leicht vorn über und rieb sich genervt das rechte Knie, »Wieso setzen die den überhaupt ein?«
   Ich sah zum Bildschirm, wollte sehen, wie lange das Spiel noch lief. Regulär 18 Minuten. Es stand 3 : 1 für die Männer in den weißen Trikots.
   Als er aufgegessen hatte, erhob er sich, ging ins Bad, wusch sich die Hände und ließ sich dann wieder neben mich fallen. Sein Blick war erneut auf den TV geheftet. Er schlug seinen rechten Fuß auf das linke Knie und wackelte wieder leicht mit seinem Turnschuh, der vollkommen sauber war. Seine Hände waren auffallend schön und seine langen Finger endeten in rechteckig geformten, gepflegten Nägeln. Das Glas hatte er schon zweimal berührt. Ich besaß seine Fingerabdrücke, selbst wenn er die Fernbedienung gereinigt hatte.
   Dann kreuzte er die Arme hinter seinem Kopf und der dezenten Duft seines Körpers wehte zu mir herüber. Er roch, ich gebe es gerne zu, wirklich sehr angenehm. Irgendwie weich. Nur war da noch mehr. In konzentrierter, deutlicher Form erkannte ich den vermeintlichen Duschgelgeruch meines, bisher nicht singenden Pärchens am anderen Ende der Lüftungsanlage. Er war also nicht durch das Bad gekommen, Musketier hatte ihn reingeschleppt! Da soll erstmal einer drauf kommen. Wie lange trieb der Bursche sich schon in meiner Wohnung herum?
   Wie beunruhigend diese Frage auch war, mir gefiel seine Anwesenheit. Ein wenig erregte sie mich.
   Das Spiel endete glücklich für die Weißen mit 4 : 1 und der Fernseher wurde nicht mehr gebraucht. Er nahm unser Geschirr, trug es in die Küche und bestückte die Spülmaschine damit. Ich war ihm gefolgt und beobachtete fasziniert, was da geschah.
   »Das war merkwürdig«, sagte ich, ohne Vorwurf, zusammenfassend.
   »Wenn man darüber nachdenkt, gar nicht so sehr«, gab er leichthin zurück.
   »Vielleicht könntest du mir ja was zum Nachdenken geben?«, hakte ich nach.
   »Geht leider nicht. Ich muss jetzt los.« Er schnappte sich zwei Clementinen und grinste. »Für das danach.«
   »Keine weiteren Infos?«, fragte ich fast schon enttäuscht.
   »Immer der Reihe nach. Sonst wird dir noch schlecht.«
  Er öffnet die Wohnungstür und verschwand fast geräuschlos, den Schlüssel zu meiner Wohnung noch immer in seiner Hose tragend. Der war aber frech. Durfte ich den behalten?

 

 

© R.B. Kirkwood 2016

 



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